„Es muss endlich wieder einmal ein Punkt vorhanden sein, wo sich diese vielen Einzelinteressen und dieses endlose Einzelwissen sammelt, wo es ein gemeinsames wird, wo es verwerthet wird nach allen verschiedenen Richtungen, welche unsere Wissenschaft in so reichem Masse darbietet. … Wir repräsentiren ungefähr das, was anderswo eine Academie repräsentirt …“ [Virchow]
Am 31.10.1860 konstituierte sich die Berliner Medizinische Gesellschaft. Sie entstand durch den Zusammenschluß der Gesellschaft für wissenschaftliche Medicin (gegründet 5.12.1844) und dem Verein Berliner Ärzte (gegründet 31.3.1858). In den Vorstand wurden v. Graefe, Langenbeck, Körte, Posner, Siegmund, Schweigger, Gurlt, Klein und Eppenstein gewählt. In §2 der originalen Satzung wurde der Zweck der Gesellschaft formuliert:
„Die Berliner medicinische Gesellschaft hat den Zweck, wissenschaftliche Bestrebungen auf dem Gesamtgebiet der Medicin zu fördern, ein collegiales Verhältnis unter ihren Mitgliedern zu erhalten und die ärztlichen Standes-Interessen zu wahren.“
Der Vorstand sollte aus einem Vorsitzenden, zwei Stellvertretetern, vier Schriftführern und einem Bibliothekar bestehen. Eine Kommission aus zwölf Mitgliedern bestimmte über die Aufnahme neuer Mitglieder.
Im Gründungsjahr betrug die Mitgliederzahl 204. Sie stieg in den folgenden Jahren rasch an: 300 (1870), 602 (1885), 1264 (1902), 1606 (1910); d. h. zu diesem Zeitpunkt waren ein hoher Prozetsatz der Berliner Ärzte Mitglieder in der Gesellschaft und so blieb es bis in die zwanziger Jahre. 1933–1934 wurden die jüdischen Mitglieder zum Austritt gezwungen. Nach dem 2. Weltkrieg, z. B. im Jubiläumsjahr 1960, betrug die Mitgliederzahl nur noch 550.
Die Berliner Medizinische Gesellschaft war von Anfang an eine „Repräsentantin der ganzen, einigen Wissenschaft“.
Neben den wissenschaftlichen Aktivitäten beschäftigte sich die Gesellschaft auch mit Standesangelegenheiten und mit Fragen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. In den ersten zwanzig Jahren ihres Bestehens war sie praktisch die einzige maßgebliche Ärzte-Vereinigung in Norddeutschland.
In den 1920er Jahren wurden von einer Reihe deutscher Universitäten Ärzte zu den Sitzungen eines jeden Mittwoch der Gesellschaft entsandt, um dann darüber berichten zu können. Der Erfolg der Gesellschaft wurde immer wieder auf die „Vertretung und Durchführung des Gedankens von der Einheit der Gesamtmedizin, der Zusammengehörigkeit von Wissenschaft und Praxis“ zurückgeführt.

Am 6.7.1887 wurde der Gesellschaft durch königlich preußisches Dekret die Rechtsfähigkeit als juristische Person verliehen. Wesentliche Gründe waren die zunehmende Zahl großer Spenden, die Mitgliedschaft bedeutender Ärzte und die herausragende wissenschaftliche Qualität der Gesellschaftsarbeit.
Im Jahre 1892 wurde das Langenbeck-Haus, mit Sitzungssaal,
Bibliothek und Lesezimmer, gebaut. Es wurde als Domizil mit der
Deutschen Gesellschaft für Chirurgie geteilt. 1913 wurde
beschlossen, wieder zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für
Chirurgie auf dem eigenen Grundstück der BerlMedGes in der Luisenstraße, einen Neubau zu errichten, das Langenbeck-Virchow-Haus.
Der Bau wurde unter der Leitung des Regierungsbaumeisters Hermann Dernburg errichtet und 1915 eingeweiht.
Bald nach der Übernahme der Regierung seitens der
Nationalsozialisten im Januar 1933 überschlugen sich die
Ereignisse. Die Sitzungen vom 8.2., 22.2., 1.3., 15.3.1933 leitete
Alfred Goldscheider, der seit 1930 1. Vorsitzender war. Von März
bis November 1933 fanden keine Sitzungen statt. Im Protokoll der 10.
Sitzung vom 15.11.1933 findet sich folgender Wortlaut:
»Außerordentliche Generalversammlung. Vorsitz: v. Eicken, Schriftführer: Adam
Der Vorsitzende berichtet über die Vorgänge, die (sich) seit der vorigen Sitzung ereignet haben. Auf Wunsch des preußischen Innenministeriums war der bisherige Vorstand zurückgetreten, nachdem er Herrn v. Eicken und Herrn Adam mit der Geschäftsführung beauftragt und beschlossen hatte, zunächst die Sitzungen ausfallen zu lassen. Da dieser Beschluss keine rechtliche Bedeutung hatte, wurde Herr Carl v. Eicken (Vors.), Herr Adam (Schriftführer) und Herr Zinn (Schatzmeister) als Notvorstand eingetragen. Als solcher fungierte er bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung. Der Vorsitzende gedachte in dankbarer Erinnerung des zurückgetretenen Vorstandes und besonders der Herren Goldschneider, Unger und Kohn. ... «!
Wie aus einer nicht namentlich nicht aufgelisteten Mitgliederliste hervorgeht, wurden im April 1933
88 Mitgliedern fristlos gekündigt, darunter auch dem Vorsitzenden und Ehrenmitglied Goldscheider. Am 15. November 1933 wurde eine Änderung der Statuten (§4,5,7,10-12,16-20 und 30) beschlossen: Vorstandsmitglieder wurden nicht mehr gewählt, sondern vom Vorsitzenden »berufen« (§12), das gleiche galt für die Aufnahme-Kommission.
Die Geschichte der "Berliner Medizinischen Gesellschaft im Nationalsozialismus" wurde 2012 von dem Schriftführer und der Bibliothekarin der Gesellschaft, Eberhard Neumann-Redlin und Hella Conrad aufgearbeitet, zwecks Erscheinens bei omnisatz Berlin April 2012.
Im Jahr 1944 wurde die Bibliothek nach Schloss Boitzenburg verlagert und ging verloren (Abtransport nach Rußland 1945 - siehe unten zur Geschichte der Bibliothek). Die letzte Sitzung vor Kriegsende fand am 17. Januar 1945 statt. Nach Kriegsende wurde das Langenbeck-Virchow-Haus von der Sowjetischen Militärregierung beschlagnahmt, da es eines der ganz wenigen unversehrten Gebäude im Bereich der Charité, Berlin-Mitte, war.
Zur Aufrechterhaltung der Berliner Medizinischen Gesellschaft setzte der Magistrat der Stadt Berlin am 20. Juli 1945 das bisherige Vorstandsmitglied Georg Mylius als Treuhänder ein. Am 4. Januar 1950 beantragten sieben Mitglieder, »Gründer« gemäß der Anordnung der Alliierten Kommandatur Berlin vom 22. März 1947, die Fortsetzung der Tätigkeit der Berliner Medizinischen Gesellschaft zu genehmigen. Die Satzungen »wie vor 1933« wurden als verbindlich erklärt. Am 12. Oktober 1950 wurde Wolfgang Heubner als Vorsitzender gewählt, und am 29. Oktober 1950 fand die erste Arbeitssitzung im Hörsaal des damals noch provisorischen Physiologischen Instituts der Freien Universität Berlin statt. 1960 wurde das 100jährige Bestehen der Gesellschaft gefeiert. Zu dieser Zeit betrug die Mitgliederzahl 550.
In den Zeiten der Berliner Mauer war die Gesellschaft in Berlin (West) angesiedelt. Die Sitzungen fanden im Hörsaal des Städtischen Krankenhauses, im Universitätsklinikum Charlottenburg (Spandauer Damm 130) statt, später im Hörsaal der Institute für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene der Freien Universität Berlin (Hindenburgdamm 27/Krahmerstraße). Dort tagte die Gesellschaft auch nach dem Mauerfall; ab 1996 fanden die Sitzungen im Kaiserin-Friedrich-Haus, Robert-Koch-Platz 7, in Berlin Mitte statt.
Nachdem die Gesellschaft im Jahr 1999 einen Notvorstand verordnet
bekommen hatte, konsolidierte sich die Gesellschaft ab 2001 zunehmend.
Die wissenschaftlichen Aktivitäten wurden wesentlich gesteigert
(s. Sitzungen), und die Mitgliederzahl hat sich fast verdoppelt.
Nach langem Ringen (vergl. Geschichte des Langenbeck-Virchow-Hauses)
urteilte das Verwaltungsgericht Berlin am 10.9.2002
letztinstandlich,
dass das Langenbeck-Virchow-Haus an die Berliner Medizinische
Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie
rückzuübertragen sei (rechtskräftig seit dem
23.11.2002).
Am 22.10.2002 wurde im Geheimen Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem das Original der Rechtsfähigkeitserklärung vom 6.7.1887 (I. HA Rep. 89 Nr. 15379; S. 141–143) wieder aufgefunden.
Am 13.2.2003 wurde zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für
Chirurgie die Rückübertragung in einem Festakt im Foyer des
Langenbeck-Virchow-Hauses gefeiert.
Am 9.6.2004 erfolgte aufgrund einer Gestzesänderung der Eintrag in das Vereinsregister am Amtsgericht Berlin-Charlottenburg unter der Nummer 23525Nz. Die zugrunde liegende Neufassung der Satzung dateiert vom 13.9.2003, genehmigt am 16.9.2003 und wurde am 11.2.2004 von der Generalversammlung verabschiedet.
Im ersten Schritt vor einer Restaurierung kam es zur Gründung einer Langenbeck-Virchow-Haus GbR, so dass im Jahre 2004 der Abschluss eines Kooperationsvertrages zwischen der LVH-GbR und der Firma Aesculap als Unternehmen der B. Braun Gruppe möglich wurde. Gleichzeitig wurde eine Niederlassung der Aesculap Akademie als Stätte des Wissens und Dialogs geschaffen. Aber auch andere Fachgesellschaften und -Verlage, einschließlich der BerlMedGes erhielten in vertraglicher Anbindung an die LVH-GbR ihre Heimstätte im Langenbeck-Virchow-Haus. Damit waren die rechtlichen Voraussetzungen gegeben, bei Beibehaltung der Gemeinnützigkeit der BerlMedGes als Miteigentümer des Hauses, mit umfangreichen Renonovierungsmaßnahmen zu beginnen.
Am 1.10.2005 wurde das Langenbeck-Virchow-Haus nach
einjähriger Umbausphase wieder eröffnet. Seitdem werden
die Sitzungen wieder im eigenen Haus abgehalten.
Albrecht von Graefe (Ophthalmologe)
Bernhard von Langenbeck (Chirurg)
Rudolf Virchow (Pathologe)
Ernst von Bergmann (Chirurg)
Hermann Senator (Internist)
Johannes Orth (Pathologe)
Friedrich Kraus (Internist)
Alfred Goldscheider (Internist)
Carl von Eicken (Otorhinolaryngologe)
Richard Siebeck (Internist)
Friedrich Umber (Internist)
Wolfgang Heubner (Pharmakologe)
Hans Freiherr von Kress (Internist)
Heinz Herken (Pharmakologe)
Karl-Otto Habermehl (Virologe)
Ernst-Otto Riecken (Internist)
Heinz-Peter Schultheiss (Internist)
Helmut Hahn (Mikrobiologe)
Alfred Goldscheider musste auf Anweisung des Preussischen Innenministeriums zurücktreten.
Friedrich Umber wurde nicht gewählt, sondern vom »Reichsgesundheitsührer« »eingeführt«
Die Berliner Medizinische Gesellschaft besaß im Jahre 1935 etwa 25.000 eigene Bände, wozu noch die besonders geführte Virchow- und Lasser-Bibliothek mit etwa 14.000 Bänden und die Aufnahme mehrerer Büchereien medizinischer Vereine hinzukam. Hierzu gehörten der Verein für Innere Medizin und Kinderheilkunde, der Verein für Psychiatrie und Nervenheilkunde, die Gesellschaft für Urologie und eine nicht nur bloß Berlin umfassende Gesellschaft, die Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege. Auf diese Weise wurde die Bibliothek um etwa weitere 20.000 Bände vermehrt. Die Zahl der im Lesesaal ausliegenden Zeitschriften betrug 336. Zählt man noch die 38.000 Bände der deutschen Gesellschaft für Chirurgie hinzu, mit der das gegenseitige Gastrecht zunächst beibehalten wurde, so stand im Jahre 1913 den Mitgliedern der Gesellschaft eine Bibliothek von 106559 Nummern zur Verfügung. Bei der letzten Zählung im Jahre 1930 entfielen 30.026 Nummern allein auf den Bestand der BerlMedGes. Im Jahr 1931 entstand ein Katalog.
Im Jahr 1944 wurde die Bibliothek nach Boitzenburg ausgelagert und nach unbestätigten Zeugenberichten von dort mit russischen Militärlastwagen mit unbekanntem Ziel abtransportiert. Die BerlMeGes sieht es als eine Verpflichtung gegenüber der Wissenschaft an, nicht nachzulassen, die Bibliothek einst zurück zu erhalten. So traf sich im April 2007 eine deutsch-russische Kommission, die »deutsche und russische Pack- und Transportlisten« sichtete. Eine Auswertung dieser Listen soll endlich Auskunft geben über den Verbleib der nach 1945 kriegsbedingt ausgelagerten Kunst- und Vermögenswerte. Zwar findet die Kommission im Rahmen des »Deutsch-russischen Museumsdialogs« statt, jedoch erhoffen wir uns auch, über die erst jetzt erfassten und übersetzten Listen einen Hinweis auf unsere Bibliothek zu erhalten.
Zu den Bibliotheksaufgaben zählte seit jeher auch die
Veröffentlichung der Vorträge. Seit 1866 wurden
regelmäßig eigene »Verhandlungen« herausgegeben,
die nach dem ersten Heft in der Berliner Klinischen Wochenschrift
abgedruckt wurden (52 Bände bis 1921). Die Bände 53 (1922) -
62 (1931) wurden in der Zeitschrift »Medizinische Klinik«
veröffentlicht. Die Bände 63 (1932) - 73 (1942 = letzte
Ausgabe) bestehen nur noch aus Sonderdrucken von Originalvorträgen
ohne Geschäftsberichte und Mitgliederverzeichnisse, abgedruckt in
der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«. Nach dem
Wiederaufleben der Gesellschaft 1950 erschienen die Beiträge
vorwiegend als kurze Autorenreferate im Berliner Ärzteblatt, der
»Berliner Medizin« und anderen einschlägigen
Zeitschriften.
Von 2006 - 2009 wurden ausgewählte Vorträge aus den Sitzungen im
Mitteilungsblatt der Gesellschaft »Berlin Medical«
veröffentlicht. Seit dem 1.1.2010 kommen ausgewählte Sitzungsberichte
und Mitteilungen in das "Journal der BerlMedGes" dieser Homepage.
Statut der Berliner Medicinischen Gesellschaft. Allg. Med. Centr.-Ztg. (1860), S. 406-408.
Fränkel, B.: Die Geschichte der Gesellschaft während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens. Zur Festsitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft zur Erinnerung an die erste Sizung am 31. Oktober 1860, abgehalten am 28. Oktober 1885.
Pagel, J.: Zum 50-jährigen Jubiläum der Berliner medizinischen Gesellschaft. Dtsch. Med. WSchr. 36 (1910):1963-1967
Adam, C.: Zum 75-jährigen Jubiläum der Berliner Medizinischen Gesellschaft. Dtsch. Med. WSchr. 61 (1935):1963-1967
Goerke, H.: Die Geschichte der Berliner medizinischen Gesellschaft 1860-1960. In: Festschrift 100 Jahre Berliner medizinische Gesellschaft. 26. Oktober 1960, Sonderheft Dtsch. med. J., S. 3-16
Solbrig, O.: Die Geschichte der Berliner Medizinischen Gesellschaft. Die Bibliothek: Abschnitt 1910 - 1935, S. 10-11 und 67-68. Bisher unveröffentlichte Schrift (Schreibmaschine) Ort: Büro der BerlMedGes, eine Veröffentlichung ist zur ausstehenden Chronik vorgesehen.